Familienpolitik: Wer soll was bekommen, und warum?
Kaum eine politische Kraft stellt öffentlich infrage, dass Kinder geschützt und gefördert werden sollen. Zugleich zeigen sich in Deutschland hartnäckige soziale Ungleichheiten zwischen Familien. Sophia Landzettel erforscht Einstellungen zu familienpolitischen Leistungen und geht den Spannungen zwischen normativen Ansprüchen und gesellschaftlicher Zustimmung auf den Grund.
Familienpolitik und die Bekämpfung von Kinderarmut gewinnen derzeit im politischen und öffentlichen Diskurs an Aufmerksamkeit. „Wir stellen Familien in den Mittelpunkt“, hat die Bundesregierung etwa in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben. Populärwissenschaftliche Bücher wie „Die Kinderwüste“ (Schulz, 2025) und „Kinder – Minderheit ohne Schutz“ (El-Mafaalani et al., 2025) fordern mehr Unterstützung für Kinder. Schlagzeilen wie „Wie die Regierung Kinder im Stich lässt“ heben die öffentliche Forderung nach einer Anpassung der Familienpolitik hervor. Die vielfältigen Ziele der Familienpolitik stehen dabei zur Diskussion.
Die Chancen von Kindern in Deutschland hängen stark von der Bildung der Eltern und der Einwanderungsgeschichte der Familien ab. Insbesondere Alleinerziehende und Familien mit vielen Kindern sind überdurchschnittlich vulnerable und armutsbetroffene Gruppen. Und staatliche Leistungen für Familien reichen oft nicht aus. So gibt es beispielsweise trotz des Rechtsanspruchs auf Kinderbetreuung ab dem vollendeten ersten Lebensjahr eines Kindes in Deutschland für mehr als jedes siebte Kind unter drei Jahren keinen Kitaplatz. Der Zugang zu einem Betreuungsplatz ist nicht gleich für alle. Einwanderungsgeschichte, Armutgefährdung und Wohnort beeinflussen die Chancen darauf. Oftmals hängt das Wohlergehen der Kinder folglich von Merkmalen und Lebensumständen ihrer Eltern ab.
Wie lässt sich die Unstimmigkeit zwischen normativen Ansprüchen für Kinder und faktischen Leistungen erklären? Und warum sind Familien mit bestimmten Merkmalen besonders von materieller oder sozialer Benachteiligung betroffen? Diese Fragen bilden den Hintergrund meiner Forschung.
Bedingte Solidarität mit Familien
In einem Befragungsexperiment in Deutschland habe ich empirisch getestet, ob es in der Öffentlichkeit unterschiedliche Zustimmung für Familienleistungen für Kinder (Kindergeld und Kinderbetreuung) gibt und ob die Zustimmung auf unterschiedliche Eigenschaften der Eltern zurückzuführen ist. Im Sommer 2025 wurden für das vorregistrierte Befragungsexperiment fast 2.000 deutsche Erwachsene befragt, welche Familien sie beim Erhalt von Familienleistungen priorisieren würden, wenn sie sich zwischen verschiedenen Familienkonstellationen entscheiden müssten (Landzettel, 2025). Solche Untersuchungen sind deswegen aufschlussreich, da Wissen über Einstellungen zu Sozialleistungen und über die öffentliche Wahrnehmung der Leistungsempfänger*innen eine zentrale Rolle für das Verständnis von Solidarität innerhalb einer Gesellschaft spielt – und für nachhaltige und erfolgreich umgesetzte Sozialpolitik. Oder in den Worten von Robert Tiede (2019):
„Einstellungen der Bevölkerung zur Sozialpolitik spielen eine wichtige Rolle für die Legitimität demokratischer Programme und Prozesse. Ohne einen entsprechenden Rückhalt in der Bevölkerung lassen sich sozialpolitische Weichenstellungen kaum durchsetzen.“ (S. 88)
Erste, vorläufige Ergebnisse der Studie zeigen, dass sowohl elternbezogene Familieneigenschaften (Einkommen, Elternkonstellation, Familienname) als auch kinderbezogene Eigenschaften (Anzahl der Kinder) die Unterstützung für Familien beeinflussen. Es zeigt sich, dass Familienleistungen besonders für alleinerziehende Eltern und Familien mit eher niedrigem Einkommen priorisiert werden. Am wenigsten Zustimmung gibt es für Leistungen für Familien mit einem relativ hohen Haushaltseinkommen oder nur einem Kind. Familien mit einem deutschen Nachnamen wurden gegenüber solchen mit slawischen und arabischen Nachnamen bevorzugt. Diese Effekte sind jedoch weniger ausschlaggebend als diejenigen von Familiengröße und Haushaltseinkommen.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Familien nicht als einheitliche Gruppe wahrgenommen werden, sondern bestimmte Merkmale entscheidend dafür sind, ob und wie stark Leistungen an sie befürwortet werden. Die Eigenschaften der Eltern sind dabei entscheidend dafür, ob die Familie als Einheit als unterstützungswürdig angesehen wird. Dies ist ein besonders interessanter Befund, da die Unterstützung durch Kindergeld und Kinderbetreuung primär die Kinder erreichen soll.
Politische Instrumentalisierung von Familienbildern
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die heute bestehenden familienpolitischen Leistungen überwiegend als legitim erachtet werden. Denn die sozioökonomische Situation und Herkunft der Eltern bestimmen de jure, welche Leistungen die Familie erhält, und teilweise auch deren Umfang. Besonders das Haushaltseinkommen ist ein Familienmerkmal, das maßgeblich von den Eltern abhängt und aus welchem sich ein rechtlicher Anspruch ableitet. Das hat direkte Auswirkungen darauf, welche Leistungen den Kindern zustehen und intensiviert die Abhängigkeit ihres Wohlergehens vom Elternhaus und folglich auch die Ungleichheiten zwischen Kindern aus unterschiedlichen Familien.
Wenn sich also zeigt, dass die Legitimität der Unterstützung für Kinder von Merkmalen und Lebensumständen der Eltern abhängt, passt dies auch zu bestimmten Familienwerten: Es ist die Familie, die primär für Kinder sorgen soll, nicht etwa der Staat. Diese Familienwerte sind in der Sozialstaatsliteratur ein klassisches Merkmal des konservativen deutschen Sozialstaats.
Doch um zu verstehen, was sich hinter den Einstellungen der Menschen und den Präferenzen zu (Familien-)Politik verbirgt, bietet das soziologische Konzept der „Triggerpunkte“ (Mau et al., 2024) einen hilfreichen Ansatz. Hinter den in meiner Studie geäußerten Präferenzen könnten sich demnach Empfindungen der Ungleichbehandlungen, wahrgenommene Normalitätsverstöße und Entgrenzungsbefürchtungen verbergen – Begriffe, mit denen Mau et al. besonders aufgeladene gesellschaftliche Konfliktlinien beschreiben. Aus sozialpolitischer Sicht können insbesondere Einkommens- und Wohlstandsungleichheiten sowie der gesellschaftliche Umgang mit Minderheiten emotional aufgeladene Debatten auslösen. Dabei tritt das Ziel, vulnerable Gruppen zu schützen, oft in den Hintergrund.
Die Forschung muss aber auch im Blick haben, von wem und in welcher Dynamik polarisierende Debatten vorangetrieben werden – nicht zuletzt, damit Erkenntnisse zu sozialpolitischen Präferenzen nicht instrumentalisiert werden. Wenn die AfD Familien mit deutscher Staatsangehörigkeit bevorzugt und das traditionelle Familienmodell als „Leitkultur“ bewirbt, stellt sich die Frage: Welche Familieneigenschaften werden hier hervorgehoben – und wie werden damit Meinungsbildung gelenkt und gesellschaftliche Uneinigkeiten verstärkt? Solche zugespitzten Debatten können sich in der öffentlichen Wahrnehmung zu polarisierten Positionen verfestigen, indem „gefühlte Polarisierung die reale mit vorantreibt“, wie Mau in einem Interview erklärt.
Ansätze wie aus Triggerpunkte tragen durch die Untersuchung von Einstellungen und politischen Haltungen dazu bei, Umverteilungspräferenzen und Einstellungen zum Sozialstaat besser zu verstehen und politische Schlussfolgerungen fundiert zu gestalten. Sie machen sichtbar, in welchem Ausmaß und unter welchen Umständen sozialpolitische Maßnahmen Zuspruch aus der Bevölkerung bekommen. Im Falle der Familienpolitik zeigt sich etwa, dass Einstellungen zu Eltern und Familienmodellen den Fokus weg von den Bedürfnissen der Kinder verschieben. Gerade sie tragen jedoch letztendlich die Konsequenzen familienpolitischer Entscheidungen und geraten in polarisierenden Debatten allzu leicht aus dem Blick.
Literatur
El-Mafaalani, A./Kurtenbach, S. & Strohmeier, K. P. (2025): Kinder – Minderheiten ohne Schutz. Aufwachsen in einer alternden Gesellschaft. Kiepenheuer & Witsch Verlag.
Landzettel, S. (2025, August 12): Which family should get what and why? A conjoint experiment. OSF Preregistration. https://doi.org/10.17605/OSF.IO/5BNHQ.
Mau, S./Lux, T./Westeheuser, L. (2024): Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. 2. Auflage. Suhrkamp Verlag.
Schulz, S. (2025): Die Kinderwüste. Wie die Politik Familien im Stich lässt. Hoffmann und Campe Verlag.
Tiede, R. (2019): Zwischen Konditionalität und Universalismus. Soziologie Magazin, Zimmermann, Katharina & Heuer, Jan-Ocko (Hrsg.) Sonderheft 5. https://doi.org/10.3224/8474230006.
Sophia Landzettel 2026, Familienpolitik: Wer soll was bekommen, und warum?, in: sozialpolitikblog, 05.03.2026, https://www.difis.org/blog/familienpolitik-wer-soll-was-bekommen-und-warum-193 Zurück zur Übersicht

Sophia Landzettel ist Doktorandin im DFG-geförderten Graduiertenkolleg „Social Dynamics of the Self” an der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS). Sie hat einen interdisziplinären Hintergrund bestehend aus Philosophie, Soziologie und öffentlicher Entscheidungsfindung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen des Sozialstaates, sozialer Gerechtigkeit und in der Anwendung der Deservingness-Theorie auf Familien und Familienpolitik.

















