Frühe Armutserfahrung prägt langfristig die Wahlbeteiligung
Kinderarmut beeinflusst nicht nur Bildungswege, Gesundheit und Lebenschancen, sondern auch die politische Teilhabe. Neue Studienergebnisse zeigen: Wer in Armut aufwächst, beteiligt sich langfristig seltener an Wahlen – das gilt insbesondere unter bestimmten sozialen Bedingungen.
Wer in einer armutsbetroffenen Familie aufwächst, hat ein höheres Risiko, auch später ökonomisch benachteiligt zu sein. Zugleich zeigt die Forschung, dass Kinder aus Familien mit geringer politischer Beteiligung häufig selbst seltener politisch aktiv werden (Neundorfet al. 2013, Beck/Jennings 1975, Gidengil et al. 2016).
In einer Studie zeige ich, dass Menschen, die in Armut aufwachsen, langfristig signifikant seltener wählen (Weißenfels 2026). Wer sowohl in der Kindheit als auch im Erwachsenenalter von Armut betroffen ist, wählt im Schnitt etwa 13 Prozentpunkte seltener als Personen, die nie in Armut gelebt haben. Auch Menschen, die im Erwachsenenalter nicht mehr in Armut leben, aber arm aufgewachsen sind, wählen signifikant seltener als Menschen, die im Laufe ihres Lebens nicht von Armut betroffen waren.
Doch der Zusammenhang gilt nicht für alle gleichermaßen: Die Bildung der Eltern und ihr politisches Interesse können den Zusammenhang zwischen Armut und niedriger Wahlbeteiligung deutlich abfedern.
Niedrige Wahlbeteiligung als Folge früher Armut
Für die Analyse nutze ich Längsschnittdaten des Deutschen Sozioökonomischen Panels (SOEP) aus den Jahren 1984 bis 2022. Ich folge darin Kindern in von Armut betroffenen Haushalten über eine gewisse Zeit hinweg, bis Daten über ihre Wahlbeteiligung vorliegen. Dabei verbinde ich Informationen über die Einkommenssituation und Familiencharakteristika mit dem späteren Wahlverhalten junger Erwachsener zwischen 18 und 34 Jahren.
Im Mittelpunkt steht die Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen in den Jahren 2009, 2013, 2017 und 2021, für die entsprechende Daten vorliegen. Als arm gelten Haushalte dann, wenn ihr bedarfsgewichtetes Nettoäquivalenzeinkommen Da ich mich auf eine ungefähr gleich alte Gruppe der jüngeren Wahlberechtigten konzentriere, werden die Ergebnisse weder von Alter, Geburtskohorten oder unterschiedlichem Zeitgeschehen beeinflusst.
Was wiegt stärker: Armut, Bildungshintergrund, oder politische Sozialisation?
Die bisherige Forschung zeigt, dass sowohl ökonomische Ressourcen wie Einkommen (Jungkunz/Marx 2024) als auch kulturelle Faktoren wie Bildung (Ahlskog 2021) oder politisches Interesse der Eltern (Hoskins/Janmaat 2024, Prior 2018) das spätere Beteiligungsniveau ihrer Kinder mitbestimmen. Zugleich sind diese Faktoren häufig miteinander verbunden: Eltern mit höherer Bildung verfügen oft auch über höhere Einkommen und zeigen stärkeres politisches Interesse. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie diese Faktoren einzeln mit Armut und späterer Wahlbeteiligung zusammenhängen.
Meine Ergebnisse zeigen erstens, dass Kinder von politisch interessierten sowie höher gebildeten Eltern trotz Armut ähnlich häufig wählen wie Kinder, die nicht arm aufwachsen. Die Wahlbeteiligung liegt jeweils bei einem Wert zwischen 75 und 80 Prozent. Das ist fast so hoch wie bei jungen Wähler*innen aus Familien, die nicht von Armut betroffen sind und deren Eltern ebenso hoch gebildet oder an Politik interessiert sind. Damit bieten diese elterlichen Ressourcen einen gewissen Schutz vor den negativen Effekten von Armut und zeigen, dass ein politischer Habitus auch armutsunabhängig entstehen kann. Das zeigt, dass Armut nicht ausschließlich für politisches Verhalten verantwortlich ist.
Zweitens wird deutlich, dass besonders Kinder mit mehrfacher Benachteiligung deutlich seltener wählen. Menschen, die in Armut aufwachsen und zugleich Eltern mit niedriger formaler Bildung haben, geht im Erwachsenenalter nur mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent wählen. Ähnlich niedrig ist die Wahlbeteiligung, wenn die Eltern angaben, sich politisch nicht zu interessieren und die Familie zugleich von Armut betroffen ist. Zum Vergleich: Haben die Eltern zwar ein niedriges formales Bildungsniveau, es liegt jedoch keine Armutserfahrung in der Kindheit vor, liegt die Wahrscheinlichkeit zu wählen bei den jungen Erwachsenen bei mehr als 65 Prozent. Sind die Eltern nicht politisch interessiert, aber auch nicht vor Armut betroffen, dann ist die Wahrscheinlichkeit zu wählen für ihre Kinder sogar höher als 71 Prozent.
Armut geht also besonders dann mit niedriger späterer Wahlbeteiligung einher, wenn sie mit weiteren sozialen und politischen Nachteilen im Elternhaus wie niedriger Bildung oder wenig politischem Interesse kombiniert ist. Gleichzeitig kann eine höhere Bildung oder politisches Interesse der Eltern diesen Zusammenhang abschwächen.
Frühe Armutserfahrungen sind entscheidend für die Teilhabe
Wer in der Kindheit Armut erfahren hat und später im Erwachsenenalter langfristig ökonomische Sicherheit erreicht, könnte dies als persönlichen und gesellschaftlichen Erfolg erleben und dadurch eher zu Wahl gehen – so die These für meine weiteren Auswertungen.
Die Ergebnisse bestätigen dies jedoch nicht. Frühe Erfahrungen wirken stärker auf die Wahlbeteiligung als die soziale Lage im Erwachsenenalter. Personen, die in der Kindheit arm waren, im Erwachsenenalter nicht mehr in Armut leben (Aufwärtsmobilität) beteiligen sich im Erwachsenenalter etwa neun Prozentpunkte seltener an Wahlen als Personen, die nie arm waren. Ihre Wahlbeteiligung liegt damit zwar höher als bei Personen, die sowohl in der Kindheit als auch im Erwachsenenalter in Armut leben (die im Vergleich zu niemals armutsbetroffenen Kindern mit 13 Prozentpunkten niedrigerer Wahrscheinlichkeit wählen), erreicht aber nicht das Niveau dauerhaft nicht armutsbetroffener Personen. Eine ähnliche Beständigkeit zeigt sich bei der Abwärtsmobilität: Personen, die im Erwachsenenalter arm sind, jedoch nicht arm aufgewachsen sind, weisen keine geringere Wahlbeteiligung auf als diejenigen, die nie arm waren. Ein sozialer Abstieg führt also nicht zu einer deutlich veränderten Beteiligung im Vergleich zur stabil nicht armutsbetroffenen Gruppe.
Armutsbekämpfung als wirksamstes Mittel für politische Teilhabe
Frühe Armutserfahrungen bleiben also langfristig prägend. Weder Aufstieg noch Abstieg im Erwachsenenalter können diese Prägung vollständig aufheben. Gleiche Muster zeigen sich auch für ökonomischen Auf- oder Abstieg innerhalb der Kindheit. Die Bekämpfung von Kinderarmut muss also möglichst früh ansetzen muss, um langfristige politische Beteiligung zu ermöglichen.
Die Ergebnisse meiner Forschung sprechen dafür, frühe Armutserfahrungen als zentralen Ausgangspunkt politischer Ungleichheit stärker in den Blick zu nehmen. Eine reine Fokussierung auf spätere individuelle Aufstiegschancen und Investitionen in Bildung reicht nicht aus.
Armutsbekämpfung, insbesondere für Familien mit Kindern, ist ein zentraler Ansatzpunkt, um politische Mitbestimmung nachhaltig zu stärken. Sozialpolitische Maßnahmen, die die materielle Lebensgrundlage von Familien frühzeitig und verlässlich absichern, sind der richtige Ansatz, um die politische Beteiligung zu stärken. Hierfür ist etwa die Ausgestaltung von Grundsicherungssystemen relevant. Auch die die Frage, in welchem Ausmaß Sanktionen oder Leistungskürzungen Armutsrisiken zusätzlich verschärfen, ist nicht zu vernachlässigen.
Kausale Zusammenhänge mit Methodenkombination sichtbar machen
Bisher ging die Forschung davon aus, dass sich Armutsbetroffene systematisch aus dem politischen Prozess zurückziehen und dass diese Ungleichheit kaum zu verändern ist – was jedoch auch kritisch diskutiert wird. Die Erklärung dafür wird meist entweder auf der Angebotsseite der Politik gesucht, etwa in Fragen der ungleichen politischen Reaktionen auf Wünsche bestimmter sozialer Gruppen (z. B. Elsässer 2018), oder auf der Nachfrageseite der Bürger*innen, etwa im Ressourcenmodell politischer Beteiligung (Verba, Schlozman, and Brady 1995; Dalton 2017). Ganz sicher kann die Forschung allerdings nicht sagen, wo der kausale Zusammenhang zwischen Armut und Wahlbeteiligung liegt.
Die Forschung auf der Mikro-Ebene hat verschiedene Optionen, diese Frage zu erkunden. Interviews mit Betroffenen geben wichtige Einblicke in individuelle Erfahrungen, Wahrnehmungen und politische Deutungen , doch dabei bleibt es schwierig, subjektive Interpretationen klar von objektiven Lebensbedingungen zu trennen. Diese Methoden erlauben also vor allem, zu verstehen, wie Menschen ihre Situation wahrnehmen und politisch einordnen, weniger aber eine systematische Messung emotionaler Zustände im engeren Sinne. Die Analyse von Surveydaten wie dem SOEP macht dagegen langfristige Zusammenhänge über einen längeren Zeitraum sichtbar, erlaubt jedoch nur begrenzte Einblicke in die dahinterliegenden Deutungs- und Erfahrungsprozesse.
Es ist notwendig, verschiedene methodische Zugänge miteinander zu kombinieren und Schritt für Schritt zu prüfen, wie sich politische Ungleichheit über den Lebensverlauf entwickelt.
Literatur
Ahlskog, R. (2021) ‘Education and Voter Turnout Revisited: Evidence from a Swedish Twin Sample with Validated Turnout Data’, Electoral Studies, 69: 1–6, https://doi.org/10.1016/j.electstud.2020.102186.
Beck, P. A. /Jennings, M. J. (1975): Parents as “Middlepersons” in Political Socialization, The Journal of Politics, 37/1: 83–107, https://doi.org/10.2307/2128892.
Dalton, R. J. (2017): The Participation Gap: Social Status and Political Inequality (First edition, Oxford: Oxford University Press).
Elsässer, L. (2018): Wessen Stimme Zählt?: Soziale Und Politische Ungleichheit in Deutschland, Band 91, Schriften Aus Dem Max-Planck-Institut Für Gesellschaftsforschung Köln (Frankfurt; New York: Campus Verlag).
Evans, G. / Tilley, J. (2017): The New Politics of Class: The Political Exclusion of the British Working Class (First Edition, Oxford; New York, NY: Oxford University Press).
Gidengil, E. / Wass, H. / Valaste, M. (2016): Political Socialization and Voting, Political Research Quarterly, 69/2: 373–83, https://doi.org/10.1177/1065912916640900.
Hoskins, B. / Janmaat, J. G. (2024): Intergenerational Transmission and the Reinforcement of the Political Engagement Gap: Identifying How University‐educated Parents Enable Their Children to Become More Politically Interested during Early Adolescence’, British Educational Research Journal, 50/5: 2148–71, https://doi.org/10.1002/berj.4002.
Jungkunz, S. / Marx, P. (2024): Material Deprivation in Childhood and Unequal Political Socialization: The Relationship between Children’s Economic Hardship and Future Voting, European Sociological Review, 40/1: 72–84, https://doi.org/10.1093/esr/jcad026.
Neundorf, A. / Smets, K. / García-Albacete, G. M. (2013): Homemade Citizens: The Development of Political Interest during Adolescence and Young Adulthood, Acta Politica, 48/1: 92–116, https://doi.org/10.1057/ap.2012.23.
Prior, M. (2018): Hooked: How Politics Captures People’s Interest (New York: Cambridge University Press), https://doi.org/10.1017/9781108355001.
Verba, S. / Lehman Schlozman, K. / Brady, H. E. (1995): Voice and Equality: Civic Voluntarism in American Politics (Cambridge: Harvard University Press).
Weißenfels, C. (2026): Childhood Poverty and Political Participation: The Role of Family, Gender and Economic Mobility, Electoral Studies, 99, https://doi.org/10.1016/j.electstud.2025.103029.
Clara Weißenfels 2026, Frühe Armutserfahrung prägt langfristig die Wahlbeteiligung, in: sozialpolitikblog, 25.06.2026, https://www.difis.org/blog/fruehe-armutserfahrung-praegt-langfristig-die-wahlbeteiligung-208 Zurück zur Übersicht

Dr. Clara Weißenfels ist Politische Soziologin an der Universität Siegen. Sie forscht dazu, wie frühe Erfahrungen von ökonomischer und gesellschaftlicher Benachteiligung politische Beteiligungsmuster beeinflussen. Ihre Arbeit verbindet politische Sozialisationsforschung mit Fragen der sozialen Sicherung und gesellschaftlichen Teilhabe.




















