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Ein buntes Schuhregal mit Fächern, in denen vereinzelt Kinderschuhe stehen.
Nora Jehles, Nina Hogrebe, 22.10.2026

Kinderbetreuung im Integrationskurs: Brücke statt Ersatz

Fehlt Eltern im Integrationskurs ein regulärer Betreuungsplatz, bietet die integrationskursbegleitende Kinderbeaufsichtigung eine flexible Lösung. Doch wie lässt sich gute Qualität sichern, wenn das Angebot keinen eigenen Bildungs- und Erziehungsauftrag hat? Nora Jehles und Nina Hogrebe sind dieser Frage nachgegangen.

Interview: Johanna Ritter

Die integrationskursbegleitende Kinderbeaufsichtigung ist anders angelegt als Kindertagespflege oder Kita und hat keinen eigenen Bildungsauftrag. Was zeichnet dieses besondere Angebot aus, worin unterscheidet es sich von anderer Kinderbetreuung – und warum ist diese Abgrenzung wichtig?

Nora Jehles: Die integrationskursbegleitende Kinderbeaufsichtigung ist vor allem ein niedrigschwelliges und flexibles Angebot: Sie soll Eltern die Teilnahme an einem Integrationskurs ermöglichen, wenn für ihr Kind noch kein regulärer Betreuungsplatz zur Verfügung steht.

Eine Besonderheit ist die große Nähe zu den Eltern, denn die Beaufsichtigung findet in der Regel im selben Gebäude wie der Integrationskurs statt, teilweise sogar direkt im Nebenraum. Das kann gerade bei sehr jungen Kindern oder bei Familien, die beispielsweise durch Fluchterfahrungen stark belastet oder traumatisiert sind, den Einstieg in eine außerfamiliäre Betreuung erleichtern.

Zugleich hat die räumliche Nähe ganz praktische logistische Vorteile: Die Eltern müssen vor und nach dem Integrationskurs keine zusätzlichen Wege zu einer Kita oder Kindertagespflegestelle zurücklegen. Hinzu kommt, dass die Kinderbeaufsichtigung auch unterjährig und vergleichsweise kurzfristig beginnen kann – ein wichtiger Vorteil insbesondere in Regionen mit anhaltendem Platzmangel, in denen ein Einstieg in die Kita außerhalb des regulären Kita-Jahresbeginns nicht immer möglich ist.

Anders als Kita oder Kindertagespflege hat die Kinderbeaufsichtigung jedoch keinen eigenständigen Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsauftrag: Sie ist unmittelbar an den Integrationskurs gekoppelt und kann somit eine niedrigschwellige Brücke in das Regelsystem sein, sollte dieses aber nicht ersetzen.

Sie haben das Angebot evaluiert. Was bedeutet es für die Qualität der Kinderbeaufsichtigung, wenn sie einerseits kein reguläres Betreuungs- und Bildungsangebot sein soll, andererseits aber Kinder dort regelmäßig Zeit verbringen?

Nina Hogrebe: Qualität spielt in allen pädagogischen Kontexten eine Rolle, insbesondere wenn es um vulnerable Zielgruppen geht. Gleichzeitig ist Qualität ein mehrdimensionales, komplexes Konstrukt.

Zentral für die Entwicklung der Kinder ist dabei die sogenannte Prozessqualität, das heißt die Qualität der Interaktionen. Hier unterscheiden wir zwischen einer globalen Qualität im Sinne der Gruppenführung und sozio-emotionalen Unterstützung sowie einer domänenspezifischen Qualität, das heißt die kognitive Anregung, die sich auf die Entwicklung von bereichsspezifischen Kompetenzen, zum Beispiel mathematischer Kompetenzen, bezieht.

Letztere spielt aufgrund des fehlenden Bildungsauftrags in der Kinderbeaufsichtigung keine explizite Rolle und sollte daher auch kein Maßstab sein, den wir an die Angebote anlegen. Erfreulicherweise sehen wir in den fünf Fallstudien, die wir bisher durchgeführt haben, dass die Interaktionsqualität bei Spiel- und Lerngelegenheiten über alle fünf Fallstudien hinweg konstant gut ist.

Ihre Evaluation zeigt, dass sich die Qualität der Angebote teilweise unterscheidet. Woran machen Sie diese Unterschiede fest, und was können Träger tun, um gute Qualität zu ermöglichen und abzusichern?

Nina Hogrebe: Wesentliche Unterschiede gibt es vor allem in einem spezifischen Bereich, nämlich hinsichtlich der Förderung von Toleranz und Akzeptanz von Verschiedenartigkeit. Hier fanden sich in manchen Angeboten nur vereinzelt Hinweise auf Materialien, die kulturelle oder ethnische Vielfalt widerspiegeln.

Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Förderung von Toleranz und Akzeptanz von Verschiedenartigkeit in der Kinderbeaufsichtigung möglicherweise einen anderen Stellenwert hat. Kinderbeaufsichtigungspersonen legen hier womöglich bewusst mehr Wert auf die Vermittlung spezifischer, als typisch Deutsch wahrgenommener Werte und Normen und blenden dabei die Diversität des Landes stärker aus.

Träger können und sollten hier natürlich eine fachliche Begleitung und Beratung leisten. Viele Aspekte von Qualität in pädagogischen Angeboten hängen von der Trägerqualität, aber auch den Ressourcen sowie Vorgaben auf höheren Ebenen ab.

Was braucht es, damit aus einer pragmatischen Übergangslösung kein dauerhaftes Betreuungsangebot mit geringeren Qualitätsstandards wird? Und wo liegen die Grenzen für ein solches pragmatisches Angebot?

Nora Jehles: Die Kinderbeaufsichtigung ist aufgrund ihrer Niedrigschwelligkeit, der Nähe zu den Eltern und der Möglichkeit eines kurzfristigen und unterjährigen Einstiegs grundsätzlich ein sinnvolles Brückenangebot für Familien, für die noch kein passender wohnortnaher Betreuungsplatz zur Verfügung steht.

Gleichzeitig muss ihr Übergangscharakter ernst genommen werden, denn Kinder verbringen dort teilweise über einen längeren Zeitraum regelmäßig viele Stunden. Deshalb braucht auch ein niedrigschwelliges Angebot grundlegende Qualitätsstandards und von Beginn an eine Perspektive für den Übergang in Kita oder Kindertagespflege.

Die Grenze ist für mich dort erreicht, wo aus dieser Brücke faktisch eine dauerhafte Alternative zum Regelsystem wird – insbesondere, wenn ein geeigneter und wohnortnaher regulärer Betreuungsplatz verfügbar wäre. Ziel sollte deshalb nicht sein, die Kinderbeaufsichtigung gegen Kita oder Kindertagespflege auszuspielen, sondern ihre besondere Stärke als flexibles Übergangsangebot zu erhalten und zugleich den Übergang in das Regelsystem sicherzustellen.

Wenn Sie aus den bisherigen Erfahrungen eine Konsequenz für die Weiterentwicklung des Programms ziehen müssten: Welche wäre das?

Nora Jehles: Für die Weiterentwicklung des Programms würde ich vor allem dafür plädieren, die Kinderbeaufsichtigung als flexibles Brückenangebot zu sichern und gleichzeitig die Voraussetzungen für gute Qualität verlässlich abzusichern.

Unsere Evaluation zeigt, dass viele Träger bereits Leistungen erbringen, die für eine gute Kinderbeaufsichtigung aus unserer Sicht unverzichtbar sind, bislang aber nicht oder nicht ausreichend refinanziert werden – dazu gehört beispielsweise eine angemessene Eingewöhnung der Kinder, aber auch fachliche Begleitung, Austausch- und Vertretungsmöglichkeiten.

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Qualifizierung der Kinderbeaufsichtigungspersonen: Gerade weil hier auch sehr junge Kinder und Familien in besonderen Lebenslagen begleitet werden, braucht es ausreichend qualifiziertes Personal und Möglichkeiten zur kontinuierlichen fachlichen Weiterentwicklung.

Gute Qualität sollte deshalb nicht davon abhängen, ob ein einzelner Träger zusätzliche Ressourcen aufbringen kann, sondern strukturell im Programm abgesichert werden.

Nina Hogrebe: Wichtig wäre, dass spezifische Qualitätsstandards entwickelt werden, die den Besonderheiten der Kinderbeaufsichtigung gerecht werden. Das Angebot braucht verlässliche pädagogische Standards, darf aber nicht mit regulären Betreuungsangeboten gleichgesetzt werden.

Gleichzeitig sollte das Ziel bleiben, allen Kindern den Zugang zu einem regulären Betreuungsplatz zu ermöglichen.


Nora Jehles und Nina Hogrebe 2026, Kinderbetreuung im Integrationskurs: Brücke statt Ersatz, in: sozialpolitikblog, 22.10.2026, https://difis.org/blog/kinderbetreuung-im-integrationskurs-bruecke-statt-ersatz-220

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