Migration erforschen: Perspektiven der ersten Generation
Die erste Generation der sogenannten „Gastarbeiter*innen“ hat maßgeblich zur deutschen Wirtschaft beigetragen und lebt bis heute in Deutschland – ihre Lebenslagen im Alter bleiben jedoch in Wissenschaft und Politik weitgehend unbeachtet. Sarrah Bock untersucht das Alter(n) marokkanischer und tunesischer Arbeitsmigrant*innen aus einer rassismuskritischen, dekolonialen und intersektionalen Perspektive.
“Du hättest kommen sollen, als ich mit 18 hierher kam.“
Dieser Satz fällt während eines Interviews mit einer ehemaligen Arbeitsmigrantin aus Tunesien. Er verweist auf eine Leerstelle: Die Lebensrealitäten der ersten Generation nordafrikanischer Arbeitsmigrant*innen in Deutschland sind bis heute kaum sichtbar – insbesondere im Alter. Während die Geschichte der Arbeitsmigration größerer Herkunftsgruppen vergleichsweise gut dokumentiert ist, bleiben kleinere Migrationsbewegungen und ihre langfristigen Folgen häufig unbeachtet.
Migration aus Nordafrika blieb lange weitgehend unsichtbar
Im Rahmen der Anwerbeabkommen kamen ab 1963 15.000 Menschen aus Marokko und ab 1965 11.000 Menschen aus Tunesien in die Bundesrepublik Deutschland. (Geis-Thöne 2023: 13). Trotz dieser vergleichsweise geringen Zahl entstanden beispielsweise durch Familiennachzüge kleine tunesische und marokkanische Communities, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Berlin (ebd.).
Im Laufe meiner Arbeit hat sich unter anderem gezeigt, dass im Jahr 1969 die ersten tunesischen Frauen nach München kamen, um bei Siemens zu arbeiten. Bei Siemens bestand die Tätigkeit hauptsächlich aus feinmechanischen Arbeiten, zum Beispiel dem Zusammenbauen von Flug- oder Fahrzeugteilen, für die gute Augen und Fingerspitzengefühl benötigt wurden.
Diese Communities und Netzwerke haben nach wie vor bestand und die Frauen sind bis heute miteinander in Kontakt. Daran wird deutlich, dass sich Migration nicht als abgeschlossenes Ereignis erweist, sondern als tiefgreifende biografische Prozess zu verstehen ist, der den gesamten Lebensverlauf prägt.
Migration prägt Biografien über den gesamten Lebensverlauf hinweg
Genau hier setzt meine Forschung an. In meinem Dissertationsprojekt untersuche ich Alterungsprozesse im Zusammenhang mit Migration und Geschlecht im Lebensverlauf. Diese Perspektive ist intersektional angelegt, denn sie geht davon aus, dass diese Kategorien gemeinsam Lebensrealitäten strukturieren. Ziel meines Qualifikationsprojekts ist es, die biographische Bedeutung der Migrationserfahrungen herauszuarbeiten und nachzuzeichnen, wie diese das Leben und Alter(n) in Deutschland prägen.
Die Forschung folgt einem dialogischen und intersektionalen Zugang
Um diese Zusammenhänge zu erfassen, führe ich 15 bis 20 biografisch-narrative Interviews mit ehemaligen Arbeitsmigrant*innen aus Tunesien und Marokko. Die Methode zielt darauf ab, subjektiven Deutungsmuster und Sinnzusammenhänge der Befragten rekonstruieren (vgl. Helfferich 2011: 38). Dabei steht die Erfassung der biografischen Bedeutung sowohl des in der Vergangenheit Erlebten als auch der Selbstpräsentation in der Gegenwart im Mittelpunkt (Rosenthal 2011: 184).
Diese etablierten Methoden verbinde ich mit einer rassismuskritischen und dekolonialen Perspektive. Dazu gehört auch, dass meine eigene migrantisierte Position den methodischen Zugang prägt.
Die Interviews verlaufen selten nach einem festen Schema. Häufig wird das Gespräch mit einem gemeinsamen Essen verbunden. Vor oder während der Interviews, zu denen ich oft in die Haushalte der Befragten fahre, wird tunesisches Essen gekocht. Essen wird so zu einer sozialen Praxis, das auch in der Interviewsituation Verbundenheit schafft und zugleich eine Erinnerungskultur transportiert. Der dialogische Charakter der Forschung wird dabei besonders deutlich. Nicht selten sind auch weitere Familienangehörige bei den Interviews anwesend. Sie übersetzen oder ergänzen Erinnerungen.
Auch Fotos spielen eine wichtige Rolle. Manche Befragten zeigen mir Fotos und andere Erinnerungsgegenstände aus ihrer Jugend im Herkunftsland oder aus der Zeit der Migration nach Deutschland. Auch dies schafft für die Befragten Räume, das Interview aktiv zu gestalten. Mit dieser Form der Photo-Elicitation eröffnen sich Erzählräume. Über die Fotos zu sprechen, macht es möglich nicht nur individuelle, sondern auch kollektive Erfahrungen aufzuschließen. Sie zeigen unter anderem auch die Gruppe, mit der Sie in Deutschland angekommen sind und tragen so wesentlich zum intergenerationalen und innerfamiliären Erinnern an die Migrationsgeschichte bei.
Die Interviewten bestimmen den Ort und die Zeit des Gesprächs. Sie bestimmen auch mit, welche Themen wichtig sind und wie ihre Geschichte erzählt wird. Die Forschung wird so zu einem dialogischen Prozess, der klassische Hierarchien relativiert.
Reflexivität und dekoloniale Perspektiven prägen die neue Wissensproduktion
Diese Herangehensweise knüpft an dekoloniale Perspektiven an. Ganz im Sinne von Gayatri Spivaks berühmter Frage „Who can speak?“ wird reflektiert, wer spricht, wer zuhört und wer gehört wird (vgl. Steyerl/Gutiérrez Rodríguez 2003). Ziel ist es, Sichtweisen und Erzählungen herauszuarbeiten, die jahrzehntelang in Deutschland unsichtbar und ungehört geblieben sind.
Wenn Interviewte auf diese Weise ins Erzählen kommen, wird aber auch die Forschende sichtbar. Die Erzählung wird durch beide Interviewpartner*innen bestimmt, in deren wechselseitiger Interaktion eine Dynamik entsteht, die den Erzählfluss leitet. Beide beeinflussen durch ihre Perspektiven und Erfahrungen, welche Inhalte zur Sprache kommen und wie diese gerahmt werden. Daraus ergibt sich ein grundlegendes Moment reflexiver Forschung: die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Position als Forscherin und die bewusste Wahrnehmung der Selbstbestimmung der Befragten, wie Siouti et al. (2022: 16) schreiben.
Die dekoloniale Perspektive bedeutet darüber hinaus, „von einer Wissensproduktion über ›die Anderen‹ abzusehen und auch kein Wissen für ›die Anderen‹ zu produzieren“ (Siouti et al. 2022: 11). Es geht darum, die eigene Sprecher*innenposition zu reflektieren, die Bedingungen des eigenen Wissens offenzulegen, die Nicht-Neutralität wissenschaftlicher Forschung anzuerkennen und sichtbar zu machen, wo Wissen an seine Grenzen stößt. Nur auf diese Weise kann eine kritische Wissensproduktion entstehen, die im Sinne Mignolos (2005) einer Dekolonisierung des Wissens verpflichtet ist.
Für Frantz Fanon (2008) und James Baldwin (1993) setzt dieser Perspektivwechsel ein Bewusstsein voraus, das das eigene „colonized mind“ (Thiong’o 1986) erkennt, um so die Reproduktion westlicher Narrative zu vermeiden. Ich versuche dies in meiner eigenen Forschung umzusetzen, in dem ich die Sichtweisen der Befragten auf die Anwerbeabkommen erfrage und damit die historischen und individuellen Bedingungen für die Migration nach Deutschland einfange.
Für rassifizierte Forschende, wie mich, bedeutet dies, die eigene Position und Erfahrung aktiv in den wissenschaftlichen Diskurs, aber auch in der Interviewsituation einzubringen. Das heißt, dass ich geteilte Erfahrungen – von Rassismen bis hin zu tunesischer Musik – wenn sie ihren natürlichen Platz im Gespräch finden, nutze, um die Interviewsituation auf Augenhöhe zu führen und einen Raum von Sicherheit und Verbundenheit sowie Partizipation zu schaffen. Rassifizierte Menschen wissen, wovon sie sprechen, ohne sich erklären zu müssen. Es ist ein sehr wichtiger Zugang, um mit Menschen zu sprechen, die oft von affektiven Herausforderungen überrollt werden, wenn sie sich an die Vergangenheit erinnern.
Als Forscherin muss ich selbst Teil der (reflexiven) Forschung werden, um dadurch über das Thema sprechen zu können. Das dies auch Herausforderungen für die Forscherin birgt, ist klar. So gibt es in manchen Gesprächen Momente, in denen die Interviewten mich in der Rolle ihrer Tochter oder Enkelin sehen – und nicht selten auch zwischen den Zeilen die Hoffnung aufscheint, dass nun endlich die nächste Generation in der Lage sein wird, Geschichten in einer Öffentlichkeit zu erzählen, die zuvor im Verborgenen blieben. Das verbindet sich mit meinem Anspruch als Forscherin. Dies zu reflektieren, ist Teil der Forschung.
Indem ich meine soziale Position mit wissenschaftlichen Ansätzen aus dem Globalen Süden verknüpfe, verorte ich meine Qualifikationsarbeit in einem postkolonialen Rahmen, der eurozentrische Wissensordnungen kritisch hinterfragt, sie zugleich aber auch reflektiert, nutzt und weiterentwickelt.
Die Erinnerungen dieser Generation zu sichern, ist heute besonders dringlich
Die Migrationserfahrung von alternden Migrant*innen lässt sich heute nur noch retrospektiv erforschen. Die Dringlichkeit dieser Forschung wird aber auch durch diesen zeitlichen Kontext deutlich. Viele Zeitzeug*innen sind bereits verstorben, oder nach Tunesien oder Marokko zurückgekehrt.
Der Satz „Du hättest kommen sollen, als ich mit 18 hierherkam“ verweist somit nicht nur auf eine persönliche Erinnerung. Er macht deutlich, dass diese Generation lange übersehen wurde. Die Aufgabe besteht darin, ihre Perspektiven sichtbar zu machen und in Wissenschaft und Gesellschaft einzubringen. Dazu sollten bestehende Forschungen genutzt, aber zugleich mit postkolonialer und intersektionaler Kritik hinterfragt werden. Die Forschungslandschaft und die Forschenden selbst müssen hierfür diverser werden.
Literatur
Geis-Thöne, Wido (2023): Zuwanderung aus Nordafrika. Erste Erfolge und weitere Potenziale für die Fachkräftesicherung, IW-Report, Nr. 14, Köln. 19.10.2023.
Helfferich, Cornelia (2011): Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Mignolo, Walter D. (2005): The Idea of Latin America. Malden, MA / Oxford: Blackwell Publishing.
Rosenthal, G. (2011): Interpretative Sozialforschung: Eine Einführung. Weinheim: Beltz Juventa.
Siouti, Irini / Spies, Tina / Tuider, Elisabeth / von Unger, Hella / Yildiz, Erol (2022): Methodologischer Eurozentrismus und das Konzept des Othering. Eine Einleitung. In: Dies. (Hrsg.): Othering in der postmigrantischen Gesellschaft. Herausforderungen und Konsequenzen für die Forschungspraxis. Wiesbaden: Springer VS, S. 7–30.
Spivak, Gayatri Chakravorty (1988): Can the Subaltern Speak? In: Nelson, Cary / Grossberg Lawrence (Hrsg.): Marxism and the Interpretation of Culture. Urbana/Chicago: University of Illinois Press, S. 271–313.
Steyerl, Hito / Gutiérrez Rodríguez, Encarnación (2003): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik. Münster: Unrast.
Thiong’o, Ngũgĩ wa (1986): Decolonising the Mind: The Politics of Language in African Literature. London: James Currey
Sarrah Bock 2026, Migration erforschen: Perspektiven der ersten Generation, in: sozialpolitikblog, 30.04.2026, https://www.difis.org/blog/migration-erforschen-perspektiven-der-ersten-generation-202 Zurück zur Übersicht

Sarrah Bock ist Doktorandin im Promotionskolleg „Neue Herausforderungen in alternden Gesellschaften“ der Hans-Böckler-Stiftung an der TU Dortmund. In Ihrer Dissertation befasst sie sich mit „Alter(n) im Kontext von Migration“. Sie hat Philosophie an der Universität Mannheim und Soziologie an der LMU München studiert. Sie war Gastwissenschaftlerin am IRMC in Tunis, Uppsala University und Goethe Universität Frankfurt.















