Politische Mikropraktiken in der Sozialen Arbeit
Menschen mit Duldung haben kein gesichertes Aufenthaltsrecht und nur beschränkten Zugang zu sozialer Teilhabe. Auch für Sozialarbeiter*innen ist es schwierig, diese Menschen angesichts struktureller Hürden zu unterstützen. Doch sie suchen und finden Wege, Lebensrealitäten im Einzelfall zu verbessern – und damit handeln sie politisch, zeigt ein Forschungsprojekt.
Soziale Arbeit hat den Anspruch, soziale Gerechtigkeit herzustellen (IFSW 2014). Unter den Bedingungen des restriktiven Migrationsregimes ist es jedoch schwierig, diesem gerecht zu werden. Besonders deutlich wird das in der Unterstützung von geflüchteten Menschen in prekären Lebensrealitäten, insbesondere von Menschen mit einer Duldung (Langhoop/Ataç 2025). Und trotzdem: Sozialarbeiter*innen suchen und finden Wege, diese migrationspolitischen Begrenzungen im Einzelfall zu verschieben oder zu umgehen.
In meiner Dissertation gehe ich der Frage nach, wie kritisch-politisch orientierte Sozialarbeiter*innen in der Beratungsarbeit von Menschen in Duldung handeln und welche Strategien sie entwickeln. Die Analyse basiert auf sieben qualitativen Interviews mit Sozialarbeiter*innen, die ich als kritisch oder politisch einordne und die Menschen in Duldung beraten. Ihre Perspektiven werte ich aus, um politisches Handeln im Kontext der Einzelfallarbeit zu rekonstruieren. Die Ergebnisse zeigen wiederkehrende, mitunter widerständige und kreative Handlungsweisen auf der Mikroebene, die ich politische Mikropraktiken nenne.
Soziale Arbeit mit Menschen in Duldung
Die Lebensrealitäten von Menschen mit einer Duldung sind sehr heterogen (Scherschel/Spindler 2026: 10). Gemein ist ihnen, dass sie über kein gesichertes Aufenthaltsrecht in Deutschland verfügen. Ihr Aufenthalt ist nicht „irregulär“ oder „illegal“. Es handelt sich bei Duldungen nach den §§ 60a-d um eine rechtlich festgeschriebene „vorübergehende Aussetzung der Abschiebung“. Je nach Duldungsart variieren Rechte, Pflichten und Perspektiven auf Sicherheit erheblich – von relativer Bleibesicherheit mit einer Ausbildungsduldung nach § 60c AufenthG bis hin zu extremer Repression mit der sogenannten Duldung light nach § 60b AufenthG.
Die rechtliche Prekarität und gesellschaftliche Exklusion prägen die Lebenssituation von Menschen in Duldung. Diese Prekarität ist kein vorübergehender Zustand, sondern ordnungspolitisch erzeugt und strukturell verfestigt (Ataç/Langhoop 2026: 224-230). Menschen in Duldung haben nur einen begrenzten Zugang zu zentralen Bereichen sozialer Teilhabe, wie Wohnsicherheit, Bildung, Beschäftigung, Gesundheitsversorgung und Sozialleistungen (Ataç et al. 2026). Aktuelle politische Entscheidungen, etwa Kürzungen bei der Finanzierung von Integrationskursen, die Menschen mit einer Duldung faktisch ausschließen, verdeutlichen den zunehmend restriktiven Umgang mit ihnen. Die oftmals jahrzehntelange permanente Abschiebebedrohung und Exklusion führen zu einer dauerhaften Unsicherheit und einem Leben unter hohen Belastungen (Schütze 2025).
Zur Verbesserung ihrer Lebenssituation wenden Menschen in Duldung sich häufig an die Beratungsstellen der Sozialen Arbeit. Nicht selten ist es auch das Ziel, einen Weg aus der Duldung zu erreichen (Langhoop/Ataç 2025). Ihre Perspektiven auf einen gesicherteren Aufenthalt sind von einem komplexen Zusammenspiel aus gesetzlichen Regelungen, administrativen Praktiken und lokalen Bedingungen geprägt. Dazu zählen die unterschiedliche behördliche Nutzung von Ermessensspielräumen, lokale Arbeits- und Wohnmöglichkeiten sowie Unterstützungsstrukturen vor Ort. Die Lebenslagen und Handlungsräume von Menschen in Duldung unterscheiden sich dadurch teilweise erheblich (Spindler/Madjlessi-Roudi 2026: 145). Unterstützung erfolgt deshalb häufig hochgradig einzelfallbezogen und individualisiert.
Wege suchen und finden
In meiner Arbeit schaue ich im Rahmen der einzelfallbezogenen Unterstützung besonders auf die Perspektive und das Handeln von Sozialarbeiter*innen, die sich in ihrem professionellen Selbstverständnis als kritisch oder politisch einordnen lassen. Die Rekonstruktion folgt der Grounded-Theory-Methodologie. Die Sozialarbeiter*innen suchen und finden Wege im Labyrinth rechtlicher Komplexität und strukturell erzeugter Hindernisse, um eine Verbesserung der Lebenssituation im Einzelfall zu erreichen. Eine Sozialarbeiterin hebt in meinen Interviews die politische Dimension dieses Handelns hervor:
„In dem Sinne unterstütze ich halt die Zielgruppe. Und das ist auch eine thematische, politische Schwerpunktsetzung. Und ich setze mich halt auch ein, ja, auch so Wege zu finden, die vielleicht nicht so ganz vorgesehen sind, aber die es gibt. […] Also klar, in dem Sinne ist das ja schon eine Haltung oder vielleicht auch so ein Statement. Und politisch in dem Sinne vielleicht, ja, wenn ich darüber hinaus was tue.“
Ich interpretiere dieses Handeln als einen Ausdruck von Dissens, da hier eine Handlungslogik beschrieben wird, die bestehenden Anweisungen, sei es durch Vorgesetzte, die Organisation oder durch Behörden, zuwiderläuft. Die Sozialarbeiterin folgt den Vorgaben nicht strikt, sondern sucht nach alternativen Möglichkeiten, den Auftrag der Adressat*innen zu wahren. Widerstand zeigt sich dabei weniger in kollektiven Mobilisierungen oder öffentlich sichtbaren Protestformen als vielmehr in der alltäglichen professionellen Praxis: Sozialarbeiter*innen handeln nicht nur innerhalb bestehender Strukturen, sondern auch „darüber hinaus“interviewte Sozialarbeiterin es ausgedrückt hat.
In einer geschilderten Situation mietet eine andere Sozialarbeiterin kurzfristig einen Minibus, um einen psychotherapeutischen Termin gemeinsam mit dem Adressaten zu ermöglichen. Gemeinsame Autofahrten waren zu dem Zeitpunkt aufgrund von Corona-Regelungen dienstlich untersagt. Der Termin hat für eine Perspektive auf aufenthaltsrechtliche Sicherheit eine hohe Bedeutung für den Adressaten. Statt die Unterstützung ausfallen zu lassen, sucht die Sozialarbeiterin eine pragmatische Lösung und nimmt bewusst interne Konflikte mit ihrem Vorgesetzten in Kauf, um die Interessen des Adressaten zu wahren. Widerstand richtet sich hier nicht nur gegen abstrakte migrationspolitische Vorgaben, sondern manifestiert sich innerhalb der eigenen Organisation. Der Einsatz der kritisch-politischen Haltung beginnt im sozialarbeiterischen Alltag, indem sich das Handeln radikal am Anliegen des Adressaten orientiert.
Dadurch, dass die Sozialarbeiter*innen „nicht nur folgenlose Kritik […] üben“ (Garrett 2025), sondern ihre kritische Haltung aktiv ins Handeln übersetzen, wird aus Dissens eine konkrete Praxis, wie auch diese Sozialarbeiterin explizit beschreibt:
„Also dass man seine Haltung, oder seine kritische Haltung gut einsetzt, aber auch die Klienten auch immer wieder sieht. […] Da gehört immer auch politische Bildung mit dazu und so eine Grundhaltung, […] gerade mit Migrant*innen, dass man da so einen bisschen übergeordneten Blick hat […].“
Es wird deutlich, dass das Handeln einer professionellen Rationalität folgt, politisch erzeugte Missstände im Einzelfall zu bearbeiten. Gerade im Feld der Fluchtsozialarbeit gewinnt dies aufgrund der strukturell produzierten Prekarität und den hürdenreichen Perspektiven auf einen gesicherten Aufenthalt besondere Relevanz. Bei der Entwicklung unterschiedlicher fallnaher und kreativer Strategien orientierten sich die Sozialarbeiter*innen konsequent am Wohl der Adressat*innen, auch wenn organisationale oder rechtliche Vorgaben dem entgegenstehen. Die geschilderten Beispiele zeigen ein individuelles Vorgehen, das jeweils auf das konkrete Anliegen eines*einer Adressat*in bezogen bleibt.
Was sind politische Mikropraktiken?
Ich schlage vor, dieses Handeln als politische Mikropraktiken zu fassen. Damit bezeichne ich Praktiken von Sozialarbeiter*innen, die unmittelbar ein konkretes Anliegen einer*eines Adressat*in bearbeiten. Die Praktiken sind auf der Mikroebene verortet. Sie verfolgen nicht primär das Ziel, Strukturen zu verändern oder zu gestalten, sondern fokussieren ausschließlich die Verbesserung der Lebenssituation der*des Adressat*in.
Zudem können diese Mikropraktiken als politisch verstanden werden:
Erstens gehen die Mikropraktiken aus der kritischen Auseinandersetzung mit politisch erzeugten Problemen hervor und bearbeiten diese im professionellen Alltag auf der Ebene des Einzelfalls. Es werden individuelle Problemlagen bearbeitet, die nicht individuell verursacht sind: Die prekäre Lebensrealität der Menschen in Duldung ist Resultat migrationspolitischer Regelungen. Wenn Sozialarbeiter*innen aktiv Wege zur Unterstützung suchen und finden, gestalten sie keine strukturellen Veränderungen. Aber sie gestalten bewusst die Wirkung von Politik. Das lässt sich mit der Perspektive der Street-Level-Bureaucracy nach Lipsky (1980) verstehen, die für die Soziale Arbeit im Rahmen von Politikimplementation als politische Einmischung in der alltäglichen Praxis verstanden wird (Leiber 2023). Außerdem gelten in philosophischen Debatten über politisches Handeln sowohl die Intention einer Handlung als auch ihre gesellschaftlichen Auswirkungen als Elemente, die eine Handlung politisch machen (Arendt 2011, Perko 2017 zit. n. Burzlaff 2021: 6).
Zweitens sind politische Mikropraktiken eine Form von Widerstand. Im Anschluss an Scotts (1985) Konzept des Alltagswiderstands muss Widerstand nicht kollektiv und sichtbar sein, um politisch relevant zu sein. Er kann sich in alltäglichen Praktiken äußern, die bestehende Machtordnungen unterlaufen und gerade darin den politischen Moment haben. Solche Praktiken werden häufig individuell ausgeführt, können jedoch in ähnlicher Form von vielen Akteur*innen praktiziert werden und dadurch ihre gesellschaftliche Wirkung entfalten.
Drittens entstehen die Mikropraktiken aus einer politischen Haltung. Die Sozialarbeiter*innen geben sich nicht mit dem Status quo der hegemonialen Ordnung zufrieden. Sie kämpfen für soziale Gerechtigkeit. In diesem Sinne konkretisieren sie, was Garrett (2025) für eine Dissenting Social Work als Bemühungen beschreibt, „sich der fortschreitenden Begrenzung von Handlungsmöglichkeiten […] entgegenzustellen“. Diese Praxis ist nicht improvisiert oder zufällig, sondern Bestandteil ihrer professionellen sozialarbeiterischen Logik.
Politische Mikropraktiken ermöglichen damit Inklusion dort, wo Exklusion strukturell und politisch vorgesehen ist.
Die Bedeutung politischer Mikropraktiken in der Praxis
In der Praxis bedeuten politische Mikropraktiken, dass kritisch-politische Sozialarbeitende auch unter restriktiven migrationspolitischen Bedingungen handlungsfähig bleiben und einen langfristigen Einfluss auf die Lebenssituation einzelner Adressat*innen haben können. Sie stellen damit eine professionelle Strategie dar, um mit strukturellen Begrenzungen im Feld Flucht und Migration umzugehen. Der Begriff macht eine Praxis sichtbar, die die Trennung zwischen Mikro- und Meso-/Makroebene sozialarbeiterischen Handelns infrage stellt und vermutlich auch in anderen Arbeitsfeldern relevant ist, indem eine bewusste Verbindung der Ebenen sozialarbeiterische Handlungsräume erweitern kann. Welche Bedingungen politische Mikropraktiken ermöglichen oder erschweren, wird im Rahmen des Dissertationsprojekts weiter untersucht.
Literatur
Ataç, Ilker / Langhoop, Gesa / Madjlessi-Roudi, Sara / Mayer, Marina / Scherschel, Karin / Spindler, Susanne (2026): Teilhabe trotz Duldung? Prekäre Wege in Arbeit, Ausbildung und Aufenthalt. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.
Ataç, Ilker / Langhoop, Gesa (2026): „Also das Schwerste ist, die Arbeitserlaubnis zu kriegen“: Prekarität und Teilhabe von Menschen in Duldung am deutschen Arbeitsmarkt. In: Ataç, Ilker et al. (Hrsg.): Teilhabe trotz Duldung? Prekäre Wege in Arbeit, Ausbildung und Aufenthalt. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 200–238.
Burzlaff, Miriam (2021): Ist Soziale Arbeit immer politisch? In: Fachaustausch-Redaktion „Grenzenlos gestärkt in den Alltag“ (Hrsg.): (K)ein Auge zudrücken?! Umgang mit rechtsaffinen Jugendlichen in JFEen und Schulsozialarbeit.
Garrett, Paul Michael (2025): Eine Zeit für Dissenting Social Work? Zum Internationalen Tag der Sozialen Arbeit 2025. In: Sozialpolitikblog (DIFIS).
International Federation of Social Workers (IFSW) (2014): Global Definition of Social Work.
Langhoop, Gesa / Ataç, Ilker (2026): Agency in prekären Lebensrealitäten: Soziale Arbeit und zivilgesellschaftliche Unterstützung im Kontext der Duldung. In: Z’Flucht. Zeitschrift für Flucht- und Flüchtlingsforschung, 9(2), S. 253–283.
Leiber, Simone (2023): Politische Einmischung Sozialer Arbeit „at the street-level“. In: Leiber, Simone / Leitner, Sigrid / Schäfer, Stefan (Hrsg.): Politische Einmischung in der Sozialen Arbeit. Analyse- und Handlungsansätze. Stuttgart: W. Kohlhammer, S. 91–110.
Lipsky, Micheal (1980), Street Level Bureaucracy: Dilemmas of the Individual in Public Services, New York.
Scherschel, Karin / Spindler, Susanne (2026): Einleitung: Geduldetes Leben – Annäherung an prekäre Lebens- und Aufenthaltssituationen. In: Ataç, Ilker et al. (Hrsg.): Teilhabe trotz Duldung? Prekäre Wege in Arbeit, Ausbildung und Aufenthalt. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 9–32.
Schütze, Theresa (2025): Duldung. In: Inventar der Migrationsbegriffe.
Scott, James C. (1985): Weapons of the Weak: Everyday Forms of Peasant Resistance. New Haven: Yale University Press.
Spindler, Susanne / Madjlessi-Roudi, Sara (2026): Im Dickicht der Stratifizierung: Ausschlüsse, Hürden und Bedingungen der Aufenthaltssicherung. In: Ataç, Ilker et al. (Hrsg.): Teilhabe trotz Duldung? Prekäre Wege in Arbeit, Ausbildung und Aufenthalt. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 118–150.
Gesa Langhoop 2026, Politische Mikropraktiken in der Sozialen Arbeit, in: sozialpolitikblog, 23.04.2026, https://www.difis.org/blog/politische-mikropraktiken-in-der-sozialen-arbeit-201 Zurück zur Übersicht

Gesa Langhoop ist Sozialarbeiterin und promoviert am Promotionszentrum Soziale Arbeit, Hochschule Fulda, zu Strategien kritischer Sozialarbeiter*innen in der Fluchtsozialarbeit. Ihre Forschungsthemen sind Politische Sozialer Arbeit und Fluchtforschung. Zuvor war sie im Forschungsprojekt „Teilhabe trotz Duldung“ tätig. Sie hat Praxiserfahrungen in der Beratungs- und Bildungsarbeit.
Der Forschungsverbund für Sozialrecht und Sozialpolitik (FoSS) der Hochschule Fulda und der Universität Kassel existiert seit 2013. Wissenschaftler*innen der Rechts-, Politik- und Wirtschafts­wissenschaften, Soziologie, und Sozial­pädagogik bearbeiten in fünf Arbeits­gruppen aktuelle Fragen zu Diversität, Gesundheit, Kindheit und Familie, Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und zur Sozial­gerichts­barkeit.
Unterstützt wird FoSS vom Verein zur Förderung von Forschung und Wissens­transfer in Sozial­recht und Sozialpolitik e.V. Ihm gehören Institutionen aus der Praxis in Nordhessen an.















