Vertrauen in die Rente bleibt trotz privater Vorsorge stabil
Nach dem Abschluss einer Riester-Rente bewerten Bürgerinnen und Bürger die Absicherung durch die Gesetzliche Rentenversicherung nicht schlechter, sondern sogar besser, wie aktuelle Auswertungen zeigen. Dieses Vertrauen in die Rentenversicherung sollte in den Rentendiskussionen berücksichtigt werden.
In der international vergleichenden Forschung ist die These weit verbreitet, dass eine Ausweitung privater Elemente zur Delegitimierung der öffentlichen Absicherung führt. Busemeyer und Iversen (2020) argumentieren etwa, dass die Verfügbarkeit privater Optionen die Unterstützung universeller Sozialversicherungssysteme schwächt. Auch Mau (2015) vermutet, dass sich sozialstaatliche Präferenzen als Folge wachsender privater Absicherung wandeln und damit die öffentliche Unterstützung für kollektive Absicherung erodiert.
In international vergleichenden Studien wird diese mit dem Begriff Crowding-out umschriebene These empirisch meist bestätigt: In Ländern mit schwacher gesetzlicher Absicherung ist auch deren Vertrauen gering. Zusätzlich blicken in vielen Ländern insbesondere diejenigen kritisch auf die öffentliche Alterssicherung, die private Vorsorgeprodukte besitzen (Busemeyer/Iversen 2020).
Aus methodischer Sicht haben die Studien allerdings das Problem, dass sie Zusammenhänge oft aggregiert und fast immer im Querschnitt untersuchen. Auf dieses Problem haben Hadziabdic und Kohl (2022) in einer jüngeren Längsschnittstudie zu sozialen Konsequenzen von Lebensversicherungspolicen hingewiesen.
Ihre Befunde deuten darauf hin, dass der negative Zusammenhang zwischen dem Besitz privater Vorsorge und der Legitimität kollektiver Sicherung nicht kausal, sondern Ergebnis einer Scheinkorrelation ist: Weil Vorsorgeprodukte tendenziell von Personen erworben werden, die von vornherein schon kritisch auf die öffentliche Absicherung schauen, sind die statistisch gemessenen Zusammenhänge aus Untersuchungen im Querschnitt auf die selektiven Vorsorgestrategien zurückzuführen und nicht auf Einstellungsänderungen durch den Abschluss privater Vorsorgeprodukte.
Vertrauen in die Rente sinkt nach Einführung der Riester-Rente
Zur Untersuchung der Crowding-out These habe ich Daten des Sozio-ökonomische Panels (SOEP) für den Zeitraum 2002 bis 2022 ausgewertet. Die Teilnehmer*innen wurden alle fünf Jahre gefragt, wie sie die finanzielle Absicherung für das Alter durch die gesetzliche Rentenversicherung bewerten.Über die Zeit zeigt sich ein gemischtes Bild: Nach Einführung der Riester-Rente steigt der Anteil negativer Bewertungen bis 2007 deutlich, danach stabilisiert sich das Niveau mit leichter Verbesserung seit Mitte der 2010er Jahre. Insgesamt bleibt aber der Anteil der Personen, die die Absicherung in der GRV als weniger gut oder schlecht bewerten höher als 2002. Der Anteil der Personen mit hohem Vertrauen liegt 2022 dagegen wieder ungefähr beim gemessenen Ausgangsniveau. Abbildung 1 zeigt das Antwortmuster im Zeitverlauf seit Einführung der Riester-Rente.
Kein Crowding-Out durch Riester
Ein einfacher Gruppenvergleich zwischen Riester-Sparer*innen und Menschen, die keinen Riester-Vertrag besitzen, zeigt zunächst keinen Hinweis auf eine Erosion des Vertrauens in die GRV durch private Vorsorge in Form eines Riester-Sparvertrags. Riester-Sparer*innen bewerten die GRV im Jahr 2022 im Durchschnitt sogar etwas positiver als der Rest der Bevölkerung (Abb. 1 letzte Säule im Diagramm). Ein Crowding-out lässt sich hier also nicht erkennen.
Abbildung 1: Zufriedenheit mit der Rente im Zeitverlauf

Anmerkungen: Eigene Berechnungen, Personen 18-65; Daten gewichtet SOEP v40, ohne Beamte/Selbständige/Rentner*innen
Ein differenzierter Blick auf das Vertrauen in die GRV und den Einfluss der Riester-Rente
Um den ursächlichen Einfluss der privaten Vorsorge auf die Bewertung der GRV zu untersuchen, habe ich im nächsten Schritt die Panelstruktur der Daten genutzt (Abbildung 2). Damit kann isoliert für jedes Individuum betrachtet werden, ob sich Einstellungsänderungen durch den Abschluss einer Riester-Rente ergeben. Indem keine Unterschiede zwischen unterschiedlichen Befragten berücksichtigt werden, sondern nur Einstellungsänderungen einzelner Personen im Zeitverlauf, können mögliche Scheinkorrelationen ausgeschlossen werden. Es wurden drei statistische Modelle berechnet (Abbildung 2).
Abbildung 2: Längsschnittmodell: Zufriedenheit mit der GRV

Anmerkungen: Eigene Berechnungen, Personen 18-65; Daten gewichtet, SOEP v40, ohne Beamte/Selbständige/Rentner*innen, Jahresdummies enthalten aber nicht ausgewiesen, Modell 3 enthält die Kovariaten von Modell 2, sie werden jedoch nicht ausgewiesen.
Das erste Modell (blau, Abb. 2) vergleicht, wie sich die Bewertung der GRV im Zeitablauf in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen verändert. Werte rechts der gestrichelten Linie zeigen einen positiven Einfluss auf die Bewertung der GRV.
Die Ergebnisse sind erwartbar: Personen mit einer guten sozialstrukturellen Position (z.B. Einkommen, Wohneigentum, Männer) haben eine höhere Zufriedenheit mit der GRV. Eine negative subjektive Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage hat dagegen eine deutlich geringere Zufriedenheit mit der GRV zur Folge, auch unter Kontrolle der objektiven Lage. Der Besitz einer Riester-Rente geht mit einem positiveren Blick auf die GRV einher.
Ob damit die Crowding-out These für die Riester-Rente widerlegt ist, lässt sich allerdings noch nicht sicher sagen. Wie in der Forschung gut belegt ist, sind Riester-Sparer*innen im Mittel einkommensstärker und besser abgesichert als der Rest der Bevölkerung (Geyer et al. 2021; Langelüddeke/Wilke 2021). Die positive Bewertung von Riester-Sparer*innen kann damit schlicht Ausdruck einer besseren Versorgungslage sein. Die Crowding-out These unterstellt ja gerade einen kausalen Einfluss, der besagt, dass der Abschluss eines privaten Vorsorgeprodukts zu einer negativeren Sicht auf öffentliche Alterssicherung führt.
Um diese These genau zu testen, werden in den folgenden Modellen keine Unterschiede zwischen Personen betrachtet, sondern ausschließlich die Einstellungsveränderungen von Personen, die im Zeitablauf eine Riester-Rente abschließen. Die Werte für alle Variablen in den Modellen 2 und 3 geben daher ausschließlich an, wie sich eine individuelle Veränderung auf die Bewertung der GRV auswirkt. Der große Vorteil dieser Art der Modellierung ist, dass sie genau nachzeichnen kann, wie sich Einstellungen bei den Befragten nach dem Abschluss einer Riester-Rente verändern.
Auch in Modell 2 (orange, Abb. 2) liegt der Koeffizient zum Abschluss einer Riester-Rente rechts der gestrichelten Linien. Das heißt, Befragte bewerten nach dem Abschluss einer Riester-Rente die gesetzliche Rentenversicherung positiver als sie es vor dem Abschluss eines Riester-Produkts haben. Das widerlegt die Crowding-out These für Riester-Sparer*innen. Da das Modell nur Veränderungen innerhalb von Personen im Zeitablauf berücksichtigt, kann ausgeschlossen werden, dass sich der Effekt nur aus den spezifischen Gruppeneigenschaften der Riester-Sparer*innen, wie zum Beispiel einem höheren Einkommen, ergibt.
Weitere Einflussfaktoren vervollständigen das Bild: Einkommenssteigerungen im Zeitverlauf führen zu einer positiveren Bewertung der GRV – was angesichts des Äquivalenzprinzips auch zu erwarten ist. Zunehmende Sorgen über die eigene wirtschaftliche Situation hingegen führen zu einer negativeren Bewertung.
In Modell 3 (Gelb) wurde untersucht, ob der Abschluss einer Riester-Rente zeitverzögert zu einer negativeren Sicht auf die GRV führt. Es ist durchaus plausibel, dass sich Präferenzen erst im Zeitverlauf zugunsten der privaten Vorsorge verschieben, weil dann auch substanzielle Beträge in die private Vorsorge eingezahlt wurden. Auch das ist nicht der Fall. Der Einfluss einer Riester-Rente auf das Vertrauen in die GRV bleibt auch bei längeren Vertragslaufzeiten positiv.
Erosion des Vertrauens auf Umwegen?
Die Ergebnisse dieses strengen methodischen Tests zeigen deutlich: Die Crowding-out These ist für Deutschland zumindest für die Riester-Sparer*innen widerlegt. Sie bewerten die GRV nach dem Abschluss eines Vorsorgeprodukts nicht kritischer, weil sie zusätzlich privat vorsorgen.
Allerdings ist auch eine indirekte Wirkung der Crowding-out These denkbar. Zwei Spielarten sind hierbei relevant: Selektionseffekte und generationenspezifische Urteile.
Zunächst zu den Selektionseffekten: Als staatlich geförderte Option, wird die Riester-Rente wahrscheinlich eher von Personen abgeschlossen, die ein erhöhtes Vertrauen in staatliche Institutionen, also auch die GRV, haben. Es ist daher möglich, dass ein Crowding-out bei Personen zu beobachten ist, die andere Vorsorgeformen nutzen. Hierfür liegen im SOEP auch andere Indikatoren vor, die nicht-geförderte Vorsorgeformen erfassen. Die Modelle aus Abbildung 2 wurden deshalb auch mit den alternativen Indikatoren berechnet (ohne Abbildung) – allerdings zeigen sich auch dort keine Anzeichen für ein Crowding-out. Ein geringeres Vertrauen in staatliche Institutionen kann zwar zu einem vermehrten Ausweichen auf nicht-geförderte Produkte führen – nach dem Abschluss solcher Produkte lässt sich aber keine weitergehende Erosion des Vertrauens in die GRV beobachten.
Mit den Riester-Reformen wurde nicht nur eine private Vorsorgeoption geschaffen, sondern die Reformen gingen mit Einschnitten in der GRV und erheblichen Diskursverschiebungen einher. Auch wenn es durch den Produktabschluss keinen direkten Effekt im Sinne der Crowding-out These gibt, so sind gesamtgesellschaftliche Veränderungen in der Bewertung der GRV naheliegend.
Es ist anzunehmen, dass diese sich vor allem als generationenspezifische Urteile in den Daten niederschlagen, da die jeweils jüngeren Kohorten in stärkerem Maße von den Riester-Reformen betroffen sind. Hierzu wurden Einstellungen in unterschiedlichen Geburtskohorten gemessen. Der Befund ist eindeutig: Jüngere Geburtsjahrgänge bewerten die Leistungsfähigkeit der GRV systematisch negativer als ältere. Die Daten deuten dabei auf einen Generationeneffekt hin: Jede nachfolgende Generation startet mit einem geringeren Ausgangsvertrauen in die GRV, das mit zunehmendem Alter dann positiver wird. Dieser Trend ist unabhängig vom individuellen Vorsorgeverhalten und dürfte stärker durch langfristige Reformdiskurse, sinkende Rentenniveaus und veränderte Erwartungen geprägt sein. Auch Auswertungen der Rentenversicherung Bund zeigen diesen Generationeneffekt.
Abbildung 3: Zufriedenheit mit GRV nach Geburtskohorte

Anmerkungen: Eigene Berechnungen, Personen 18-65; Daten gewichtet, SOEP v40, ohne Beamte/Selbständige/Rentner*innen
Die GRV in aktuellen Reformdebatten stärken
Das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Gesetzlichen Rentenversicherung hat nach der Einführung der Riester-Rente spürbar gelitten und sich seit den 2010er Jahren wieder stabilisiert. Um das Vertrauen in die gesetzliche Altersvorsorge zu verstehen, lohnt jedoch ein differenzierterer Blick. Dieser erschließt zum Beispiel, dass vor allem jüngere Generationen ein geringes Vertrauen haben.
Die zunehmende Verbreitung privater Absicherung in Form der Riester-Rente hat dagegen nachweislich nicht zu einem Vertrauensverlust in die GRV geführt. Im Gegenteil: Personen bewerten die GRV nach dem Abschluss eines privaten Vorsorgeprodukts sogar positiver als vor dem Abschluss. Möglicherweise haben problematische Erfahrungen mit der Riester-Rente, etwa bei der Produktwahl und den erzielten Renditen, auch dazu geführt, das Bewusstsein für die Leistungsfähigkeit der GRV zu stärken. In jedem Fall zeigt sich, dass mit den Millionen Riester-Sparer*innen keine Interessengruppe entstanden ist, die auf weniger öffentliche Absicherung drängt.
Die Unterstützung für die GRV ist somit weiterhin gegeben. Vor diesem Hintergrund ist eine Stärkung der GRV in den anstehenden Reformdiskussionen eine gute Option, auch um das Vertrauen unter Jüngeren zurückzugewinnen.
Literatur
Busemeyer, M. R. / Iversen, T. (2020): The Welfare State with Private Alternatives: The Transformation of Popular Support for Social Insurance, The Journal of Politics 82: 671–686.
Geyer, J. / Grabka, M. M. / Haan, P. (2021): 20 Jahre Riester-Rente – Private Altersvorsorge braucht einen Neustart, DIW Wochenbericht 88: 667–673.
Hadziabdic, S. / Kohl, S. (2022): Private spanner in public works? The corrosive effects of private insurance on public life, The British Journal of Sociology 73: 799–821.
Langelüddeke, A. / Wilke, F. (2021): Zunehmende Ungleichheiten bei der Altersvorsorge? Die Riester-Rente im Spiegel verschiedener Bevölkerungsbefragungen, Deutsche Rentenversicherung 76: 262–268.
Mau, S. (2015): Inequality, marketization and the majority class. Basingstoke: Palgrave Macmillan.
Felix Wilke 2026, Vertrauen in die Rente bleibt trotz privater Vorsorge stabil, in: sozialpolitikblog, 23.07.2026, https://www.difis.org/blog/vertrauen-in-die-rente-bleibt-trotz-privater-vorsorge-stabil-211 Zurück zur Übersicht

Prof. Dr. Felix Wilke ist Professor für Soziologie am Fachbereich Sozialwesen an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Er hat an der Universität Kassel zum teilprivatisierten Alterssicherungssystem in Deutschland promoviert. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Soziologie der Sozialpolitik, der Ungleichheits- und Armutsforschung sowie in der Alterssicherung. Er leitet ein FIS-Forschungsprojekt zur digitalen Organisation der Daseinsvorsorge.





















