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Veranstaltungsbericht: Hot Topic: "Wege aus der Angst: Wie können Vermittlungsprozesse in den Arbeitsmarkt wirksam gelingen?"

Am 10. März 2026 fand das DIFIS Hot Topic „Wege aus der Angst: Wie können Vermittlungsprozesse in den Arbeitsmarkt wirksam gelingen?“ statt. 189 Vertreter*innen aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Praxis diskutierten online über Herausforderungen und Gelingensbedingungen der Arbeitsmarktintegration von langzeitarbeitslosen Menschen. Im Zentrum der Veranstaltung stand die Vorstellung der Studie „Arbeit lohnt sich immer?!“, die Perspektiven von Betroffenen auf Vermittlungsprozesse in den Arbeitsmarkt untersucht. Moderiert wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Frank Nullmeier (Universität Bremen, stellvertretender Direktor des DIFIS) und Katrin Hogh (Evangelischer Fachverband für Arbeit und soziale Integration e. V., EFAS).

Zum Auftakt ordnete Elena Weber (Diakonie Deutschland) das Thema in die aktuelle arbeitsmarktpolitische und mediale Debatte ein. Trotz Fachkräftemangels und zahlreicher unbesetzter Stellen stehen weiterhin Menschen in Deutschland in Langzeitarbeitslosigkeit. Gleichzeitig prägen öffentliche Narrative über vermeintlich fehlende Arbeitsmotivation die Debatte. Die Studie „Arbeit lohnt sich immer?!“ setzt hier an und zielt darauf, die Diskussion zu versachlichen, die Perspektiven der Betroffenen stärker sichtbar zu machen und konstruktive Vorschläge herauszuarbeiten.

Im Hauptinput stellten Rebecca Lo Bello (EFAS, Studienleitung) und Prof. Dr. Franz Schultheis (Zeppelin Universität Friedrichshafen, wissenschaftliche Begleitung) zentrale Ergebnisse der Studie vor. Grundlage sind qualitative Tiefeninterviews mit langzeitarbeitslosen Menschen sowie Fokusgruppenworkshops, bei denen Betroffene selbst als Mitforschende beteiligt waren.

Die Studie zeigt, dass es keinen „typischen“ langzeitarbeitslosen Menschen gibt. Vielmehr sind die Lebenslagen der Betroffenen hochgradig heterogen und häufig von komplexen Problemlagen geprägt, etwa von gesundheitlichen Einschränkungen, prekären Erwerbsbiografien oder belastenden Lebensereignissen. Gerät eine Person in Langzeitarbeitslosigkeit, verstärken sich diese Problemlagen häufig gegenseitig. Die Folge kann eine Art „Überlebensmodus“ sein, in dem langfristige Zukunftsplanung kaum mehr möglich erscheint.

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass Angst und Unsicherheit im Übergang in den Arbeitsmarkt eine bedeutende Rolle spielen. Viele Betroffene stehen einer Arbeitsaufnahme ambivalent gegenüber – nicht aus mangelnder Motivation, sondern aufgrund von Unsicherheiten, etwa der Angst vor erneutem Scheitern, vor gesundheitlicher Überforderung oder vor einer Verschlechterung ihrer ohnehin fragilen Lebenssituation. Vermittlungsprozesse scheitern daher häufig weniger an fehlender Arbeitsbereitschaft als an strukturellen Bedingungen, fehlender individueller Begleitung und standardisierten Vermittlungsverfahren. Die Studie plädiert daher für stärker individualisierte Vermittlungsansätze. Notwendig seien Beratungsangebote auf Augenhöhe, die sowohl Problemlagen als auch Ressourcen der Betroffenen ernst nehmen. Statt Sanktionen könne ein „wohlwollender Druck“ helfen, Menschen beim Übergang in Arbeit zu unterstützen. Ebenso wichtig sei ein stärkerer Einbezug von Arbeitgeber*innen sowie niedrigschwellige Zugänge zum Arbeitsmarkt.

In den anschließenden Kurzkommentaren wurde die Studie aus unterschiedlichen Perspektiven eingeordnet. Der Beitrag von Dr. Hülya Düber (CDU/CSU-Bundestagsfraktion), die ursprünglich für ein Statement vorgesehen war, musste kurzfristig entfallen.

Elisa Fuchs (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen) betonte den Mehrwert der Studie für die Verwaltungsperspektive, da sie die Sichtweisen von Leistungsberechtigten umfassend abbildet und damit Hinweise auf strukturelle und administrative Herausforderungen im System der Grundsicherung liefert. Sie verwies darauf, dass ein großer Teil der Leistungsberechtigten im SGB II als langzeitarbeitslos gilt und viele von ihnen keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Gleichzeitig seien die individuellen Lebens- und Erwerbsbiografien sehr unterschiedlich. Besonders wichtig sei daher eine enge Zusammenarbeit zwischen Jobcentern, Maßnahmeträgern, Arbeitgeber*innen und den Betroffenen selbst. Eine kontinuierliche Begleitung vor, während und nach der Arbeitsaufnahme könne Integrationsprozesse stabilisieren. Auch kooperative Ansätze wie Gruppencoachings oder multiprofessionelle Beratungsteams könnten dazu beitragen, Motivation zu stärken und individuelle Problemlagen besser zu berücksichtigen.

Marc Hentschke (Vorstandsvorsitzender des EFAS) knüpfte an die Ergebnisse der Studie an und unterstrich die Bedeutung von Beschäftigungs- und Qualifizierungsträgern als Brücke in den Arbeitsmarkt. Aus der Praxis sei bekannt, dass viele langzeitarbeitslose Menschen zunächst Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurückgewinnen müssten. Beschäftigungsangebote könnten dabei eine wichtige Rolle spielen, indem sie Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen und soziale Stabilität schaffen. Gleichzeitig sei es wichtig, solche Angebote stärker auf eine spätere Vermittlung in reguläre Beschäftigung auszurichten und Arbeitgeber frühzeitig einzubeziehen, z.B. in Form von Betriebsbesichtigungen, die gleichzeitig Möglichkeiten zur Begegnung seien.

Kathrin Scheiba (Kommunales Jobcenter Hamm AöR) bestätigte, dass viele Befunde der Studie mit den Erfahrungen aus der Jobcenterpraxis übereinstimmen. Langzeitarbeitslosigkeit gehe häufig mit vielfältigen Vermittlungshemmnissen und einer ausgeprägten Unsicherheit gegenüber einem Arbeitsmarkteinstieg einher. Im Jobcenter Hamm wurden daher neue Beratungsansätze entwickelt, die stärker auf Zielgruppen und individuelle Problemlagen ausgerichtet sind. Dazu gehören unter anderem gemischte Teams aus Leistungs- und Integrationsbereichen sowie Maßnahmen zur Stärkung der Beratungsqualität. Diese wurde im Jobcenter als zentraler Erfolgsfaktor für gelingende Integrationsprozesse identifiziert. Sie machte zudem deutlich: „es gibt keine faulen Menschen, nur Menschen ohne Ziel“.

In der offenen Diskussion kamen auch Betroffene selbst zu Wort und brachten ihre Perspektiven auf Vermittlungsprozesse und Arbeitsmarktintegration ein. Eine Teilnehmerin, die zugleich als Co-Forschende an der Studie beteiligt war, berichtete aus eigener Erfahrung, dass insbesondere Arbeitsgelegenheiten (AGH) für sie eine stabilisierende Wirkung gehabt hätten. Sie hätten ihr nicht nur Struktur im Alltag gegeben, sondern auch dazu beigetragen, schrittweise wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Perspektiven zu entwickeln. Die Beiträge aus der Betroffenenperspektive unterstrichen eindrücklich, wie wichtig niedrigschwellige Angebote und individuelle Begleitung im Übergang in Arbeit sein können.

In ihrem abschließenden Kommentar betonte Elena Weber nochmals die Bedeutung einer differenzierten Perspektive auf Langzeitarbeitslosigkeit. Die Studie zeige deutlich, dass Arbeitsmarktintegration nicht allein eine Frage von Anreizen oder Sanktionen sei, sondern wesentlich von qualitativ guter Beratung in den Jobcentern, individueller Unterstützung und geeigneten strukturellen Rahmenbedingungen abhänge. Beratung sei das wichtigste Instrument, die Kernkompetenz der Jobcenter und müsse gestärkt werden.  Sie nehme aus der Veranstaltung mit, dass es bereits Beispiele guter Beratungs- und Vermittlungspraxis gäbe und es nun daran sei, die positiven Wirkungen auch durch wissenschaftliche Begleitung sichtbar und bekannt zu machen.

Das DIFIS, die Diakonie Deutschland sowie der Evangelische Fachverband für Arbeit und soziale Integration e. V. bedanken sich bei allen Referent*innen und Teilnehmenden für die engagierte Diskussion.

Weitere Informationen zur Studie „Arbeit lohnt sich immer?!“ sowie Materialien zur Veranstaltung stehen hier zur Verfügung.

Die Studie selbst finden Sie hier zum Download.

Die Videoaufzeichnung der Veranstaltung finden Sie hier.

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